Donnerstag, 17. September 2015

Virtueller Spaziergang durch das Werk Melfi der Fiat Chrysler Automobiles

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Mit Hilfe von Google Maps lässt sich die süditalienische Fabrik, in der Fiat 500X und Jeep Renegade gebaut werden, jetzt bequem am heimischen Computer erkunden. Fiat Chrysler Automobiles hat hier für die Produktion der beiden neuen Modelle mehr als eine Milliarde Euro investiert. Der virtuelle Streifzug durch eines der modernsten Automobilwerke Europas führt unter anderem durch Karosseriebau, Lackiererei und Endmontage.

Wie sieht es in dem Werk aus, in dem der neue Fiat 500X und der ebenfalls neue Jeep Renegade gebaut werden? Das Internet gibt Antwort. Das Werk Melfi der Fiat Chrysler Automobiles (FCA) ist ab sofort auf Google Maps Business View zu sehen (fcamelfiplant.fiat.it). Insgesamt 327 Panoramen aus 3‘924 Einzelfotos zeigen beeindruckende Details der süditalienischen Fabrik. Vom Presswerk, in dem die einzelnen Karosserieteile aus grossen Stahlplatten geformt werden, über die Lackiererei bis zur Endmontage. Zusätzliche Videos und Erläuterungen zu Fertigungstechniken und Innovationen runden die virtuelle Tour durch das Werk Melfi ab, das zu den modernsten seiner Art in Europa zählt.

Die Fabrik wurde mit einem Investitionsvolumen von mehr als einer Milliarde Euro ausgebaut. Sämtliche Produktionsschritte wurden auf modernsten Stand gebracht. Heute sind hier in der Nähe von Neapel rund 12‘000 Mitarbeiter beschäftigt. Fünf Pressen, zwei Stanzen, nahezu 860 Roboter alleine im Karosseriewerk, 50 weitere in der Lackiererei und 278 vollautomatische Schraubstationen sind rund um die Uhr in drei Schichten in Betrieb. Alleine vom Fiat 500X, der aus etwa 5‘000 Einzelteilen besteht, werden täglich rund 500 Stück gefertigt. Je nach Kundenwunsch werden dabei vier Chassisvarianten, 12 Karosseriefarben, fünf Innenausstattungen, acht Motoren und 188 Ausstattungsoptionen miteinander kombiniert.

Die Heimat des neuen Fiat 500X und des neuen Jeep Renegade liegt vor den Toren von Melfi, rund 150 Kilometer östlich von Neapel in der Region Basilicata. Das Werk wurde von Architekt Marco Visconti entworfen und zwischen 1991 und 1993 erbaut, damals ein Meilenstein und Signal im industriell vergleichsweise wenig entwickelten Süditalien. Es umfasst heute 1,9 Millionen Quadratmeter. In den vergangenen 22 Jahren wurden hier verschiedene Pkw-Modelle der Marken Fiat und Lancia gebaut, darunter vier Baureihen Fiat Punto (1994, 2005, 2009, 2012) sowie zwei Generationen Lancia Ypsilon (1995 und 2003). Mehr als sechs Millionen Fahrzeuge (Stand März 2015) rollten seit 1993 vom Band. Die neuen Modelle Fiat 500X und Jeep Renegade - der erste Jeep, der ausschliesslich ausserhalb der USA gebaut wird - werden von Melfi in mehr als 100 Länder weltweit exportiert.

Am 18. Juni 2009 erhielt das Werk Melfi als erste der italienischen Produktionsstätten die Klassifizierung „Silber" nach den Qualitätsstandards des sogenannten World Class Manufacturing. Damit wurde der Fabrik das hohe Niveau unter anderem in den Bereichen Produktionsmanagement, Umweltverträglichkeit, Maschinenwartung, Logistik, Qualitätskontrolle und Mitarbeitersicherheit von unabhängiger Stelle attestiert. So ist im Werk Melfi beispielsweise jede Arbeitsstation mit acht voneinander unabhängigen Sicherheitssystemen ausgestattet. Das Band wird automatisch angehalten, sollte ein Bauteil nicht korrekt montiert werden. Darüber hinaus wird die gesamte Produktion computer-gestützt dokumentiert. Auf diese Weise kann jeder einzelne Fertigungsschritt detailliert nachvollzogen werden, auch noch nach Jahren. Auf diese Weise wird die Fehlerquote drastisch reduziert, in gleichem Masse steigt die Fertigungsqualität.

Viel Wert wird im Werk Melfi auch auf Teamwork, Motivation und Qualifizierung der Mitarbeiter gelegt. Sie sind die treibende Kraft hinter dem gesamten Komplex. So wurden beispielsweise zuletzt über eine Million Unterrichtsstunden in Aus- und Weiterbildung investiert, ausserdem 1‘500 neue Mitarbeiter eingestellt und neue Vorarbeiter eingesetzt sowie modernste Maschinen installiert. Für den Erfolg dieser Massnahmen spricht auch die Tatsache, dass im Werk Melfi seit drei Jahren unfallfrei gearbeitet wird. Die Investition von rund einer Milliarde Euro und die Umstrukturierung der Produktion sind wichtige Schritte auf dem Weg zum nächsten Ziel für das Werk: die Note „Gold" im World Class Manufacturing.

Das FCA Werk Melfi im Detail

Bei seiner Inbetriebnahme 1993 stand das Werk Melfi der Fiat Chrysler Automobiles - offiziell Società Automobilistica Tecnologie Avanzate (SATA) - für einen neuen Ansatz in der Automobilfertigung: die Integrierte Fabrik. Dies bedeutete, dass der grösste Teil der Systempartner, die einzelne Fahrzeugkomponenten fertigen und zuliefern, direkt auf dem Werksgelände angesiedelt ist. Ausserdem sind dezentrale Entscheidungs- und Informationsstrukturen eine tragende Säule der Integrierten Fabrik.

Mittlerweile hat sich das Werk Melfi zu einer sogenannten Modularen Integrierten Fabrik gewandelt. Aus der Anpassung an Marktanforderungen sowie aus der bisherigen Erfahrungen mit Modellen der Arbeitsorganisation entstanden, stützt sich die Modulare Integrierte Fabrik auf die vollständige Einbeziehung der im Falle des Werks Melfi exakt 444 Systempartner und weist ihnen eine noch wichtigere Rolle im Produktionsprozess zu. Auf diese Weise kann die gesamte Fertigung schneller auf Änderungen in den Kundenwünschen reagieren und eine grössere Bandbreite unterschiedlicher Ausstattungsversionen darstellen. Die modulare Struktur der Fahrzeugmodelle reduziert darüber hinaus die Anzahl der Einzelbauteile.

Am Anfang der Produktion von Fiat 500X und Jeep Renegade stehen die grossen Pressen und Stanzen, in denen Karosserieteile geformt werden. Sechs Roboter arbeiten hier mit chirurgischer Präzision. Damit dies so bleibt, kontrollieren zwei weitere Roboter jedes gefertigte Blech im hochmodernen Messraum auf perfekte Passgenauigkeit. Im sogenannten Aussenmeisterbock, einem hochpräzisen Aluminiumgerüst, werden per Zufall ausgesuchte und ausgesonderte Karosserieteile provisorisch zusammen gefügt, um Spaltmasse und Montierbarkeit exemplarisch zu überprüfen. In einem Lichttunnel werden ausserdem kleinste Unregelmässigkeiten in der Oberfläche der Bleche aufgespürt.

Im Karosseriewerk übernehmen nahezu 860 von Computern gesteuerte Schweiss- und Montageroboter die Bleche. Beispielsweise beim Fiat 500X werden unterschiedlichste Verfahren angewendet, um die Karosserie herzustellen: neben Punkt-, Lichtbogen-, Laser- und Impulsschweissen unter anderem auch Kleben und Schrauben sowie Laserhartlöten für extrem exakte und optisch hochwertige Nähte. Die Fertigungstoleranzen liegen im Bereich von einem Zehntelmillimeter, was am Ende der Karosseriefertigung routinemässig kontrolliert wird.

Dazu wird in regelmässigen Abständen eine Rohkarosse von Fiat 500X oder Jeep Renegade aus der Produktion entnommen und im Messraum von vier Robotern anhand von mehr als 1‘500 Referenzpunkten vermessen. Die gesamte Prozedur dauert nur etwa 60 Minuten. Etwaige Abweichungen ausserhalb der engen Toleranzen können so schnell festgestellt und die Fertigung entsprechend korrigiert werden. Im sogenannten Innenmeisterbock wird anschliessend überprüft, ob alle innerhalb der Karosserie liegenden Fahrzeugkomponenten perfekt in die vorgesehenen Befestigungspunkte passen, die Bedienbarkeit gegeben ist und auch hier vorgegebene Toleranzen penibel eingehalten werden.

Anschliessend wird die Rohkarosse im Tauchbad mit Korrosionsschutz grundiert. Ausserdem werden alle Karosserienähte zum Innenraum zusätzlich versiegelt, um späteres Eindringen von Wasser oder Staub an diesen Stellen auszuschliessen. Im nächsten Schritt wird der Lack aufgetragen, eine Aufgabe für 54 Roboter, die von sieben Mitarbeitern überwacht werden. Pro Karosserie werden rund 3,5 Kilogramm Farbe innerhalb von knapp 90 Sekunden aufgetragen.

Von der Lackiererei wird die Rohkarosse in die Endmontage befördert. Hier werden von 15 Robotern, 24 Transportsystemen, 278 vollautomatischen Schraubstationen und rund 1‘000 Arbeitern das Fahrwerk, Bremsen, Sitze, Elektrik und andere Komponenten montiert. Ein Höhepunkt ist der Einbau des Motors, die sogenannte Hochzeit. Schliesslich rollt das fertige Fahrzeug vom Band.

Um den reibungslosen Ablauf in der Endmontage zu garantieren, ist eine nahezu sekundengenaue Anlieferung der benötigten Baugruppen und Einzelteile bis an die Arbeitsstation nötig. Die dahinter steckende Logistik erfordert komplexe Informationswege und eine perfekte Organisation. Für den Fiat 500X und den Jeep Renegade wurde auch dieser Bereich im Werk Melfi komplett neu strukturiert. Neben modernster Technologie ist dabei ein weiterer Faktor unabdingbar: die überdurchschnittlich hohe Arbeitsmoral aller Angestellten.